Plettenberg 25.01.2023
Aktuelles

Für einen Stundenlohn von 7,03 Euro

Da ist der junge Krebspatient in der Chemotherapie, der im September ein Mittel gegen Erbrechen benötigt. Doch erst im Dezember wird das Präparat an die Apotheke geliefert. Da ist der Säugling, für den die Apotheke Augentropfen anfertigen soll. Aber die speziellen Glasflaschen, mit denen die Tropfen verabreicht werden können, sind nirgends zu bekommen. 

Zwei Patientengeschichten, mit denen Kathrin Klewer-Scherer, Filialleiterin der Plettenberger Apotheke am Nocken, der SPD-Bundestagsabgeordneten Bettina Lugk veranschaulicht, wie dramatisch die Lieferengpässe bei Arzneimitteln mittlerweile sind. Lugk ist in diese Apotheke in ihrem Wahlkreis gekommen, um sich ein Bild von der aktuellen Lage zu machen.

Wege verbaut

Schwierig ist diese nicht nur, weil Arzneimittel fehlen, sondern auch, weil den Apotheken schnelle Lösungswege nach wie vor verbaut sind, wie Jörg Lehmann deutlich macht, Inhaber der Filiale und Vorsitzender der Bezirksgruppe Märkischer Kreis Süd im Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL). Arzneimittel selbst herstellen, auf eine andere Darreichungsform ausweichen, also z.B. Zäpfchen statt Saft abgeben, oder die Dosierung anpassen – all das sei den Apotheken trotzt ihrer pharmazeutischen Kompetenz nicht ohne weiteres möglich. Auch dürften sie keine Mittel aus dem Ausland bestellen – allenfalls eine einzelne Packung für einen Patienten, nachdem die Krankenkasse dies genehmigt habe.

Dennoch setzten die Apotheken alles daran, immer wieder Lösungen zu finden und ihre Patienten zu versorgen. Zumindest die Apotheken, die es noch gebe. „Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir keine flächendeckende Versorgung mehr“, warnt Lehmann die SPD-Politikerin vor weiteren Schließungen. Gerade auf dem Land, wo der Weg bis zum nächsten Kinderarzt weit sei, bräuchten Eltern jedoch in Wohnortnähe die Unterstützung der Apotheken. Nachdem aber die Apothekenvergütung durch die Politik seit nunmehr zehn Jahren nicht mehr angehoben worden sei, werde die wirtschaftliche Lage für viele Apotheken schwierig. Denn die Apotheken könnten explodierende Kosten aus gutem Grund nicht wie andere Branchen an die Kunden weitergeben. Obendrein kürze die Bundesregierung nun zum Februar die Apothekenvergütung sogar, um die Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenkassen zu decken, kritisiert Lehmann.

57 Minuten Zusatzaufwand – 50 Cent Lohn

Er rechnet der Abgeordneten vor, wie viel Zeit es sein Team zum Beispiel gekostet hat, einen Patienten zu versorgen, der wenige Tage zuvor ein Rezept für ein Antibiotikum einlösen wollte. Das Mittel war nicht lieferbar. Also rief die Apotheke in der Arztpraxis an, um eine Alternative abzustimmen, hing 15 Minuten in der Warteschleife, schickte dann einen Mitarbeiter in die Praxis, um ein neues Rezept abzuholen, orderte das Präparat beim Großhandel, informierte den Patienten über das Alternativpräparat und stellte es ihm per Boten zu. 57 Minuten hat die Apotheke für die Bearbeitung dieses Engpasses aufgewendet. Sie bekommt für diesen zusätzlichen Aufwand bislang keinen Cent von den Krankenkassen – über das reguläre Honorar hinaus, das sich in diesem Fall auf 7,03 Euro beläuft. Ab Februar sind es nur noch 6,80 Euro. Vom Ertrag muss Lehmann seine Mitarbeiter bezahlen und sämtliche Betriebskosten decken. 50 Cent will der Bundesgesundheitsminister den Apotheken künftig in solch einem Engpass-Fall zusätzlich bezahlen. „Auch das ist nicht ansatzweise kostendeckend“, kritisiert Lehmann.

"Die Gespräche vor Ort sind wichtig"

Ein Beispiel, das Bettina Lugk mit nach Berlin nimmt. Ebenso will sie dort das Problem der Arzneimittel-Importe ansprechen. Lugk, die die SPD im Auswärtigen Ausschuss und im Sportausschuss vertritt, ist selbst keine Expertin für Gesundheitspolitik. Doch sie hört an diesem Morgen zu, um die Probleme zu verstehen und in Berlin zu vermitteln und damit auch die Interessen ihres Wahlkreises in der NRW-Landesgruppe, der Fraktion und dem Parlament zu vertreten. „Besuche und Gespräche vor Ort sind mir besonders wichtig. Jörg Lehmann und sein Team haben mit konkreten und anschaulichen Beispielen die aktuellen Problemlagen der Sauerländer Apotheken verdeutlicht und damit sehr hilfreiche Unterlagen für die anstehenden Debatten und Gesetzesvorhaben geliefert“, so Bettina Lugk. 
 

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