Wenn nicht jetzt, wann dann? Honorar erhöht, Notdienstpauschale ab Januar verdoppelt, Skonti wieder zulässig – für Silke Wolff, Rechtsökonomin bei der Treuhand Hannover, sind das drei gute Gründe, warum es für Apothekerinnen und Apotheker nun sinnvoll sein kann, sich selbstständig zu machen. Beim Existenzgründungsworkshop von apoBank, NOWEDA, Treuhand Hannover sowie Apothekerkammer und Apothekerverband Westfalen-Lippe in Münster hat sie jetzt einen optimistischen Ausblick auf die Branchenlage gegeben.
Zuversichtlich macht sie auch, dass die Apotheken mit der im Sommer in Kraft getretenen Apothekenreform eine neue Rolle in der Prävention und Primärversorgung erhalten und viele neue Dienstleistungen anbieten können. „So können die Apotheke Honorare unabhängig von der Arzneimittelabgabe generieren und Kunden an ihren Standort binden“, sagte Silke Wolff.
Mit der Novelle habe der Gesetzgeber den Apotheken einen großen Werkzeugkoffer an die Hand gegeben, so auch André Schwietert von der NOWEDA in Münster. Daraus könnten die Inhaberinnen und Inhaber nun die richtigen Tools für ihren Standort und ihre Mitarbeiter auswählen, um gemeinsam mit dem Team die passende Vision für die eigene Apotheke zu entwickeln.
„Es ist gewiss nicht immer einfach“, sagte André Schwietert. Aber er kenne keine Apothekerin und keinen Apotheker, der in den vergangenen fünf Jahren einen Betrieb übernommen habe und diese Entscheidung für die Selbstständigkeit bereue.
Eine Beobachtung, die auch Stefan Günther, Filialleiter der apoBank in Münster, gemacht hat. 90 Prozent der Sorgen, die sich Gründungswillige im Vorfeld machten, seien unbegründet. Er gab Tipps, wie man eine Apotheke finanzieren kann und welche Fördermöglichkeiten es gibt. Zudem nahm er manches Bedenken: Weder müssten Gründerinnen und Gründer einen Kinderwunsch aufgeben, noch auf ein privates Eigenheim verzichten. Schwankungen in Umsatz und Ertrag etwa durch eine Baustelle vor der Apothekentür, die den Kundenstrom vorübergehend versiegen lässt, würden eingeplant, sodass der Kapitaldienst trotz solch unvorhergesehener Ereignisse zu stemmen sei.
Denn die Bank habe ebenso wie die anderen Experten ein ureigenes Interesse daran, dass die Gründer erfolgreich seien. Weswegen die Gründungswilligen auch auf die Analysen der Fachleute bezüglich der wirtschaftlichen Erfolgsaussichten der Wunschapotheke vertrauen dürften.
Doch nicht allein die Zahlen sollten bei der Wahl der Apotheke ausschlaggebend sein, sondern ein Stück weit auch das Bauchgefühl, erklärten vier junge Selbstständige, die im Verlauf dieses bzw. des vergangenen Jahres Apotheken übernommen haben und beim diesjährigen Workshop ihre Erfahrungen mit den jungen Gründungswilligen teilen wollten. Wobei man auch darauf achten müsse, dass die Vision von der eigenen Apotheke zum Konzept des Betriebes passe, den man sich für die Übernahme ausgeguckt habe, so Sandy Raulf, Neuinhaberin der Marien-Apotheke in Menden. Die Ideen, die man verwirklichen wolle, müssten auch für den Standort und die dortige Kundschaft geeignet sein. Was in der Gründungsphase mit Blick auf Steuerfragen zu bedenken ist, erläuterte Nicole Rehfeldt, Leiterin der münsterischen Niederlassung der Treuhand Hannover. Zum Beispiel sei eine kluge Steuerplanung wichtig, um hohe Nachzahlungen zu vermeiden. Zudem gab sie einen Überblick, über die ersten Schritte, die Gründer zu gehen haben, von der Gewerbeanmeldung bis zur Beantragung einer Steuernummer.
Was alles zu tun ist, um vom ersten Tag an auch mit den Krankenkassen abrechnen zu können, kurzum Geld zu verdienen – darüber informierte Lukas Eisert, Syndikusrechtsanwalt beim Apothekerverband Westfalen-Lippe. Wichtig sei, mit einem ausreichenden Vorlauf alle erforderlichen Anträge zu stellen, zum Beispiel auf ein Institutionenkennzeichen. „Das alles ist kein Hexenwerk. Aber Bürokratie kostet Zeit und mit ein bisschen Puffer erspart man sich in der ohnehin anstrengenden Gründungsphase unnötigen zusätzlichen Stress.“
Der immerhin lässt nach den ersten hundert Tagen nach, wie Sümerya Karataş berichtete. Am 1. Mai dieses Jahres hat sie sich mit der Glückauf-Apotheke in Hamm selbstständig gemacht. „Nach den ersten drei Monaten sieht die Welt schon ganz anders aus“, sagte sie. Nach guten eineinhalb Jahren offenbar noch viel mehr. Kevin Peters, Kämertor- und Westentor-Apotheke in Kamen, hat sich bereits im Januar 2025 selbstständig gemacht und würde die Entscheidung genau so wieder treffen: „Ich genieße jeden Tag aufs Neue die Freiheit als Selbstständiger und die Möglichkeit, meine Ideen zu verwirklichen.“ Selbst gestalten und Entscheidungen treffen zu können – das war auch für Gründerin Alexandra Kordes ein wichtiges Argument für die Übernahme der Stever-Apotheke in Senden.
Ein zweites war ihre Überzeugung: „Die Apotheke vor Ort ist wichtig für die Gesundheitsversorgung der Menschen. Deshalb brauchen wir Selbstständige, die das flächendeckende Netz aufrechterhalten.“
© Apothekerverband Westfalen-Lippe e.V. | 2026