Münster/Beverungen 09.08.2019
Aktuelles

„Jeder Tag in der Apotheke ist ein Erlebnis“

In den Apotheken vor Ort herrscht Fachkräftemangel. Auch deshalb geht die Zahl der Apotheken seit Jahren zurück. Warum der Arbeitsplatz Apotheke dennoch eine Zukunft hat und für sie der schönste der Welt ist, schildern in einer kleinen Serie Inhaber, angestellte Apotheker, Praktikanten sowie Pharmazeutisch-Technische Assistenten.

Nach dem Studium kommt im Beruf der Praxisschock, oder? Zeitschriften und Online-Portale sind zumindest voll mit Tipps für Studenten und Hochschulabsolventen, wie sie damit umgehen sollen. Julius Rochell hat sie nicht lesen müssen. Seit zwei Monaten steht er im Berufsleben – und ist ganz offensichtlich da angekommen, wo er seit dem Abitur hinwollte.

Biologie, Chemie und Mathe waren seine Lieblingsfächer in der Schule. „Jugend forscht“ sein Hobby. „Etwas mit Naturwissenschaften“ lautete daher zum Schulende der Plan für die Zukunft. Aber einsam im Labor verschwinden? Tagelang auf einen Flackerbildschirm starren? Das war nichts für Julius Rochell. Kindern 40 Jahre lang immer wieder die Schwerkraft erklären? Der Lehrerberuf schien auch keine Alternative. „Dennoch wollte ich mit Menschen zu tun haben – und vor allem Abwechslung“, erklärt der junge Mann, der aus Beverungen kommt.

All das hat er jetzt gefunden. Nach dem Abschluss des Pharmaziestudiums in Münster ist er ins praktische Jahr gestartet. Die erste Bilanz nach gut acht Wochen: „Mehr Abwechslung als in einer Apotheke kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt er mit einer Mischung aus Staunen und Begeisterung in der Stimme. „Jeder Mensch, der zu uns kommt, ist anders. Jeder Tag ist ein Erlebnis.“

Das Studium vermisst er nicht. „Ich möchte nicht wieder zurück.“ Auch wenn er sich an der Uni, anders als nun in der Apotheke, nicht mit Kassensystemen, Abrechnungen, Dokumentation und Bürokratie befassen musste. Dass er von dem an der Hochschule gebüffelten Wissen nur einen Teil gebrauchen kann und für den Alltag viel Neues lernen muss, stört ihn nicht. Das Team in der Apotheke in Münster hilft ihm, sagt er. Dosierung zum Beispiel – das war im Studium kein Thema. Jetzt aber müsse er einer Mutter mit Kleinkind erklären können, wie oft und wie lange sie ein Nasenspray verabreichen dürfe, erklärt er.

Spaßfaktor Beratung
Aber genau das ist, was den 23-Jährigen so begeistert: „Die Beratung macht am meisten Spaß – und dass ich Menschen damit wirklich helfen kann.“ Er erzählt von dem Patienten, der „etwas gegen Mückenstiche“ haben wollte. Julius Rochell hakte nach um herauszufinden, was der Patient genau brauchte. Da zeigte der Mann Knöchel und Fuß, die schon so dick geschwollen waren, dass der Schuh nicht mehr passte. Mit einem einfachen Gel gegen Juckreiz war es da nicht mehr getan.

Julius Rochell erzählt von der alten Dame, die mit ihrem Nasenspray zu ihm kam und klagte, dass sie das Fläschchen nicht öffnen könne. Er zeigte ihr, wie sie den Pumpmechanismus betätigen konnte. Er erzählt von der Schwangeren, die Fencheltee kaufen wollte – ohne zu wissen, dass dieser ihrem ungeborenen Kind schaden könnte. Der junge Mann verkaufte ihr den Tee nicht.

Dass die Frau den Tee woanders bekommen hätte, ohne etwas über die Wirkung zu erfahren, ärgert ihn. Dass die alte Dame nie herausgefunden hätte, wie sie das Nasenspray aus dem Fläschchen bekommt, wenn sie es im Internet bezogen hätte, bringt ihn auf. Er erzählt von einer Bekannten, die sich online einen großen Vorrat an Migränemitteln zusammenbestellt hat – obwohl Apotheker vor Ort aus gutem Grund immer nur eine Packung abgeben dürfen: „Eine Überdosierung des Wirkstoffs könnte zum Tode führen.“  

Mit Leidenschaft argumentiert er im Gespräch gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln – vor allem weil er sich um die Patienten sorgt, nicht um seine Zukunft als Apotheker. Denn dass er wegen der Konkurrenz und der leicht sinkenden Zahl der Apotheken eines Tages keinen Arbeitsplatz finden könnte, scheint er nicht zu befürchten. Apotheker ist laut Bundesarbeitsagentur ein Engpassberuf. Apotheker werden nicht nur in der Vor-Ort-Apotheke, sondern auch in Krankenhäusern, Behörden und Industrie gebraucht. „Als Apotheker steht mir die Welt offen“, sagt Julius Rochell zuversichtlich.
Natürlich werde sich in den kommenden Jahren viel ändern, räumt er ein. „Aber eine gut aufgestellte Apotheke, mit einer guten Beratung kann dem Wettbewerb standhalten“, ist er überzeugt. „Niemand versorgt die Patienten so schnell und so sicher wie eine öffentliche Apotheke.“ Die Praxis jedenfalls ist nicht schockierend, sondern fühlt sich offensichtlich gut an.

 

  • Nach Abschluss des Studiums kommt der dritte Teil der Ausbildung zum Apotheker: das praktische Jahr. Sechs Monate davon sind in einer öffentlichen Apotheke abzuleisten. Die restlichen sechs Monate können auch in der Industrie oder einer Krankenhausapotheke absolviert werden.
  • Dazu kommt ein vier bis sechswöchiger theoretischer Unterricht, in dem Themen wie Betriebswirtschaftslehre und Gesetzeskunde behandelt werden.
  • Das praktische Jahr schließt mit dem dritten Staatsexamen ab.
  • Danach erhält man auf Antrag von der Bezirksregierung die Approbation zum Apotheker.

 

 

 

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